Gleichheit ist kein guter Einwand gegen den Kapitalismus!


Im Rahmen des offenen Lesekreis des Aufbruch Salzburgs zum Thema Kapitalismus vs. Klima wurde der Text Gleichheit ist Grün und Rot (ein Artikel von Andreas Exner in der Zeitschrift Luxemburg) diskutiert.

In diesem Text wird folgende These aufgestellt:

Eine ökologische Wende zum Vorteil aller gibt es nur mit sozialer Gleichheit. Wachstum des Kapitals kann nicht ökologisch kompatibel sein, weil es mit steigendem Ressourcendurchsatz einhergeht.

Im folgenden will ich Exners Argumente für diese These betrachten und kritisieren.

Soziale Gleichheit […] ist der wichtigste Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden in den reichen Industrieländern.

Oder anders ausgedrückt: Materielle Ungleichheit schadet Menschen. Aber ist das so? Wenn ich mir zu wenig Nahrung oder nur schlechte Unterkünfte leisten kann, dann wird das sicher negativ für Gesundheit und Wohlbefinden sein. Und das sogar, wenn das alle Menschen in meiner Gesellschaft betrifft, also keine soziale Ungleichheit besteht. Genauso ist anzunehmen, dass wenn ich mehr als genug zu essen, ein schönes Haus am See und sonst auch genug Zeit habe meine Interessen und Hobbys auszuleben, es mich nicht stören wird, wenn andere Menschen vielleicht mehr Autos oder ein Haus mit mehr oder größeren Zimmern besitzen. Soziale Ungleichheit führt also auch nicht automatisch zu negativen Effekten.

Es zeigt sich: Soziale Ungleichheit ist eine schlechte Abstraktion für etwas, das notwendiges Ergebnis dieser Wirtschaft ist, nämlich des allermeisten Reichtums in der Hand weniger. Dieses Ergebnis kapitalistischen Wirtschaftens als soziale Ungleichheit zu brandmarken und soziale Gerechtigkeit einzufordern, sieht dann eben auch ab von der Erklärung warum die materielle Ungleichheit in jedem kapitalistischen Staat zu beobachten ist.

Offen ist die Frage: Warum führt soziale Ungleichheit zur Schädigung der Umwelt?

Die Angst vor Statusverlust führt zu großem Stress. Nicht nur Angst davor, auch ein niedriger sozialer Status als solcher führt zu mehr Stress. Beide steigen mit der sozialen Ungleichheit. Status hängt in einer kapitalistischen Gesellschaft eng mit dem Einkommen zusammen und ist vor allem über Warenkonsum für andere sichtbar. Mit wachsender Ungleichheit, ablesbar am Einkommen, steigt daher auch der Warenkonsum und damit der ökologische Schaden.

Dafür werden dann auch einige Beispiele gebracht.

Die Kfz-Dichte steigt mit wachsender Einkommensungleichheit ebenso wie die durchschnittliche Größe von Wohnungen und der Wasserverbrauch, dagegen sinken Anteil und Länge der Radfahrten […] und […] sogar das Recycling.

Unbestritten ist das Phänomen der Statuskonkurrenz in dieser Gesellschaft. Das gelegentliche Protzen mit Autos und die Existenz von Apps, welche Geld kosten und keine Features besitzen, zeigen das. Das Befriedigen dieses Bedürfnisses nach höheren Status durch Konsum von Gütern ist jedoch nicht der Grund für ökologische Schäden.

Wie bei jeder Herstellung von Waren in dieser Wirtschaftsweise, geht es um den Profit. Keinen anderen Zweck haben Unternehmen im Kapitalismus. Jeder Abzug vom Profit ist für Unternehmen also möglichst zu vermeiden. Darunter fallen dann eben auch hohe Löhne oder Aufwände für umweltfreundliche Produktion. Detailierter kann mensch das in Die Misere hat System: Kapitalismus im Kapitel Umweltverschmutzung –Der große Müllhaufen der kurzen kapitalistischen Geschichte nachlesen.

Mit diesem Argument – die Zerstörung von Natur und Umwelt liegt begründet im Interesse an Profit der Unternehmen – lässt sich auch Exners anderes Argument – Wachstum des Kapitals kann nicht ökologisch kompatibel sein, weil es mit steigendem Ressourcendurchsatz einhergeht – kritisieren.

Geringerer Ressourcenverbrauch steht nämlich gar nicht Zwangsweise im Widerspruch zu Kapitalismus. Während einerseits der Staat das Interesse haben kann, die Umwelt durch Einschränkungen der Unternehmen zu schützen (siehe Ozon und FCKW), so gibt es auch Unternehmen die ihr Wachstum gerade dadurch erwirtschaften, indem sie besonders ökologisch agieren und dadurch die Marktnische für besonders umweltbewusste Konsument*innen besetzen.

Anders als in der ziemlich angestaubten Nachhaltigkeitsdebatte gilt es, das gesellschaftliche Verhältnis zu benennen, das zum wachsenden Output an Produkten führt: das Kapital.

Das Kapital wird also am wachsenden Output an Produkten kritisiert. Nicht die Umstände der Produktion sind das Problem; nein, es ist das Wachstum an Gütern. Dabei ist an der Menge von produzierten Dingen doch gar nicht abzulesen, ob dies schlecht für die Umwelt ist. Sind 5 Atomkraftwerke besser als 1000 Solaranlagen? Sind 3 Panzer besser als 10.000 Brote? An der Quantität und am Wachstum des Outputs kann gar nicht abgelesen werden, was von dem Produkt und der produzierten Menge davon zu halten ist – weil es sinnvollerweise um den Zweck der produzierten Dinge und um die Umstände in der Produktion gehen sollte.

Nicht eine nebulöse »Wirtschaft« wächst, sondern das Kapital und seine Macht, in Gestalt von Waren.

Mit obigen Zitat zeigt sich der Fehler Exners Analyse dieser Ökonomie. Unternehmen beziehen ihre Macht nicht durch eine möglichst immer größer werdende Menge von Waren, sondern durch die Größe ihres Kapitals. Denn Kapital – in der Form von Geld – ist die Zugriffsmacht auf alles und jeden in dieser Gesellschaft.

Ein analytischer Fehler zieht sich auf jeden Fall durch Andreas Exners Artikel: Die Abwesenheit einer Sache (soziale Gleichheit) soll der Grund für etwas (menschliches Leid und Umweltzerstörung) sein. Dabei kann die Abwesenheit von etwas nie die Erklärung einer Sache sein. Mit dem Profitinteresse von Unternehmen soll oben angedeutet worden sein, wo denn nun der wirkliche Grund für die unangenehmen Dinge in dieser Gesellschaft liegen.

Dieser Einwand ist aber nicht nur abstrakter und theoretischer Natur. Wer mit Befürworter*innen des Kapitalismus diskutiert und sie mit sozialer Gleichheit von der Notwendigkeit eines Systemwechsels überzeugen will, wird einen schwierigen Kampf führen. Zeigen doch die ganz unterschiedlichen Lebensumstände von Menschen auf dieser Welt und der vielfältige Umgang mit Natur und Umwelt, dass es unterschiedliche kapitalistische Strategien gibt mit menschlichen Ressourcen und Umwelt umzugehen. Diese kann sich mensch auch erklären: Mit der Existenz von Profitinteresse und der Staatenkonkurrenz.

Wer jedoch mit sozialer Gleichheit argumentiert, wird zu hören bekommen: Es geht doch besser. Es gibt doch Schritte hin zu mehr sozialer Gleichheit. Rückschritte werden dann auch nicht erklärt mit ökonomischen Gründen, sondern einfach mit Missmanagement oder Dummheit.

Wer sich also den Zweck gesetzt hat Menschen von der Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus zu überzeugen, der*die sollte nicht mit dem Ideal einer besseren Gesellschaft agitieren, sondern mit den ökonomischen Gründen, welche zu all diesen gesellschaftlichen Übeln führen.

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