Die Marktwirtschaft: Eine Konkurrenz die keine sein müsste?


In einem Kommentar auf heise online mit dem Titel Offene Standards gegen das Chat-Monopol wird die Frage gestellt, ob es für Unternehmen überhaupt sinnvoll ist, durch inkompatible Chatstandards ein Monopol erreichen zu wollen.

Konkurrenz ist gut für den Nutzer. Doch aktuell streiten sich Anbieter von Chat-Plattformen vor allem um das nächste Monopol. Dabei würden auch sie langfristig von einer Einigung auf einen offenen Standard profitieren, meint Moritz Förster.

Die Beobachtung, die in diesem Kommentar beschrieben wird, trifft auf jeden Fall zu.

In den letzten Jahren erschienen gefühlt monatlich neue Dienste, die alle eine noch bessere Kommunikation versprechen. Und das gilt nicht nur für an Endnutzer gerichtete Messenger. Gerade im Bereich der Unternehmenssoftware integrieren immer mehr Anbieter ihre eigene Chat-Software.

Wer kennt sie nicht? Whatsapp, Telegram, Facebook Messenger, Wire, Signal, … Im Unternehmensbereich stehen Microsoft Teams, Slack oder auch Atlassian Hipchat zur Verfügung. Was auffällt: Wer das eine Chatprogramm A nutzt, kann nicht mit Nutzer*innen von Chatprogramm B kommunizieren, usw usf. Um einen möglichst großen Nutzen für die Benutzer*innen der Programme scheint es also nicht zu gehen. Das erkennt auch der Autor des Kommentars.

Stattdessen haben die Anbieter etwas anderes im Sinn: Anwender können nur selten Nachrichten mit Nutzern anderer Dienste austauschen. Lieber sollen sie im eigenen Netz eingesperrt bleiben. […] Entsprechend konkurrieren die Anbieter nur mit einem Ziel – hin zum Monopol.

Das könnte nun der Auftakt dazu sein, sich die Frage zu stellen, warum es denn für Unternehmen so attraktiv ist, eine Monopolstellung zu erreichen. Anstatt sich diese Frage zu stellen, werden aber sofort die Nachteile solch einer Unternehmensstrategie beklagt.

Die einzige Alternative dazu wäre ein unabhängiger Standard. Und Geeignete gibt es gleich mehrere. Mit XMPP zum Beispiel ist der Nutzer nicht an einen Server, einen Client oder einen Anbieter gebunden. Vom potentiell besseren Datenschutz ganz zu schweigen. […]
Aber solange gerade große Konzerne aktiv nach dem Monopol streben, haben offene Standards trotz all ihrer Vorzüge leider keine Chance. […]
Würden Nutzer nicht bei jedem Wechsel des Clients auch gleich alle Kontakte verlieren und sich auf konträre Funktionen einstellen müssen, dann würden wohl viele auch spontaner einen alternativen Dienst ausprobieren. Gerade kleinere Entwickler hätten bei der Einigung auf eine gemeinsame technische Basis eine bessere Chance.

Ein „Nachteil“ des Strebens großer Konzerne nach Monopolstellung soll sein,  dass Nutzer*innen alternative Dienste nur schwierig und nur unter Verlust aller Kontakte ausprobieren können. Dabei ist es doch ganz andersrum: Unternehmen streben nach einem Monopol genau darum, weil sie möglichst jede Konkurrenz ausschalten wollen – sie alle Nutzer*innen bei sich haben wollen, um (im Falle von Kommunikationsplattformen) durch Werbung Geld zu verdienen. Da ist die Inkompatibilität der Systeme kein Nachteil, sondern eine zweckmäßige Strategie für Profit, also aus Geld mehr Geld zu machen.

Doch der Kommentar verspricht ja mehr: Es soll gezeigt werden, dass auch die großen Unternehmen keinen Vorteil davon haben, ein Monopol erreichen zu wollen.

Aber auch die Konzerne, die momentan von ihrem Monopol träumen können, sollten sich den eingeschlagenen Weg genau überlegen. Sie alle müssen schließlich wissen, dass bei einem solchen Rennen am Ende nur noch einer übrig bleiben kann. Und wer garantiert Facebook, dass es nicht Google wäre?

Hier zeigt sich der Unwille des Autors, jede Übelkeit in diesem besten aller Wirtschaftssysteme als systemisch zu erkennen. Gerade der Kern der so viel gepriesenen Marktwirtschaft ist der Kampf um Marktanteile – die Konkurrenz. Was in diesem Kommentar gefordert wird ist nicht weniger als der Verzicht von Unternehmen, sich dieser Konkurrenz zu stellen: Es könnte ja sein, dass sie in der Konkurrenz unterliegen! Der Zweck von Unternehmen ist jedoch Profit zu machen, zu wachsen, Marktanteile auf sich zu ziehen. Jede Unternehmensstrategie ist darauf ausgerichtet und wird danach abgeklopft, ob sie diesem Zweck dient. Unternehmen den Verzicht auf Konkurrenz zu verordnen, ist dasselbe wie einer Fußballmannschaft zu empfehlen, nicht an Wettbewerben teilzunehmen – sie könnten ja verlieren.

Kurz gesagt: Anstatt an den negativen Auswirkungen der Konkurrenz von Kommunikationsplattformen für Konsument*innen ein Indiz dafür zu finden, dass es in dieser Wirtschaftsweise offensichtlich nicht um die Bedürfnisse der Menschen geht, werden „hilfreiche Tipps“ gegeben, wie „das Wirtschaften“ doch ohne Nachteile ablaufen könnte. Anstatt zu moralisieren, sollte mensch sich die Frage stellen, wie diese Wirtschaftsweise funktioniert und ob ihr Kern – Profit machen und Marktanteile erkämpfen – überhaupt ohne ihre sogenannten „Nachteile“ funktionieren könnte.

Wer sich mit dem Thema Fortschritt und Technologie im Kapitalismus etwas näher beschäftigen will, der*dem lege ich das Kapitel Kapital – Geld 2.0 des kostenlosen Buches Die Misere hat System: Kapitalismus oder einen Artikel des Gegenstandpunkts mit dem Titel Die kritische Öffentlichkeit wittert glatt so etwas wie „Ausbeutung“ beim Versandhändler Amazon und erörtert Fluch und Segen des technischen Fortschritts in der Marktwirtschaft nahe.

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