Wirtschaftskammer: Nur wer hungert ist arm!


Armut. Was ist das? Wer nichts zu essen hat, wer kein Dach über den Kopf hat, wer also seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann. Soweit, so klar. Aber hängt es nicht auch ab von der Gesellschaft in der mensch lebt, ob eine Person als arm bezeichnet werden kann?

Ein kurzes Beispiel: Eine Person die nur zwei Paar Hosen und keinen Kühlschrank besitzt, so eine Person muss ja wohl arm sein. Falsch: Ohne zu wissen in welcher Gesellschaft die Person lebt, ist das nicht zu beurteilen. Haben nämlich andere gar keine Hosen und nicht nur keinen Kühlschrank, sondern nicht mal eine feste Bleibe, so ist die Person im Vergleich zu den anderen „wohlhabend.“ Das kurze Beispiel zeigt, dass Armut nicht individuell, sondern immer im Kontext der Gesellschaft und der dort vorhandenen Reichtümer zu betrachten ist.

Rolf Gleißner, stellvertretender Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der Wirtschaftskammer, sieht das anders. In einem Leserbrief an den derStandard kommt beispielsweise dieser Satz vor

In Österreich können sich 76 Prozent der Armutsgefährdeten ein eigenes Auto leisten

Er kritisiert in seinem Text die statistische Methode mit der Armut definiert wird

Und als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommen bezieht. Die slowakische Familie mit einem Monatseinkommen von 1000 Euro ist nicht “ armutsgefährdet“, weil sie über dem niedrigen Medianeinkommen in der Slowakei liegt. Die österreichische Familie mit einem Monatseinkommen von 2000 Euro ist „armutsgefährdet“, weil sie unter dem heimischen Durchschnitt liegt.

Seine Aussage: Diese Art Armut zu definieren ist falsch. Denn Menschen die in Österreich laut dieser Statistik arm sind, hungern ja nicht unbedingt.

Armut ist aber eben ein Vergleich des eigenen materiellen Reichtums mit dem der in Gesellschaft vorhandenen. Wenn 10 Menschen existieren, welche 100 Autos besitzen. Eine Person davon aber nur ein Auto besitzt, ist diese Person im Vergleich mit den anderen Menschen arm.

Aber wie sieht es in Österreich denn wirklich aus? Gibt es die Situation dass die Mehrzahl der Menschen sehr wenig und ein kleiner Teil der Gesellschaft sehr sehr viel hat?

Eine Studie aus dem Jahr 2006 über die Einkommensverteilung in Österreich zeigt

  • die 20% ärmsten der ArbeitnehmerInnen verdienen 2% des Lohns
  • die 20% reichsten ArbeitnehmerInnen verdienen 45% des Lohns

Das sieht nun nicht gerade nach einer „gerechte Verteilung“ aus. Aber halt, bevor auf besserverdienende und ManagerInnen geschimpft wird, muss eines gesagt werden: In dieser Statistik tauchen natürlich nur jene auf, welche einen Lohn beziehen. Wer genug Geld hat und nicht arbeiten braucht, bekommt auch keinen Lohn. Also ist es viel vernünftiger  die Vermögensverteilung anzusehen.

Ein Bericht des Sozialministeriums vom November 2012 teilt uns mit

  • die 5% vermögendsten ÖsterreicherInnen besitzen 45% des Vermögens
  • die ärmsten 50% besitzen 4% des Vermögens

Das zeigt klar: An einem „reichen“ Land wie Österreich sind nur die 5% reichsten ÖsterreicherInnen reich. Und das sind diejenigen, die ihr Leben nicht als Lohnabhängige bestreiten müssen.

Hinweis: Diese Vermögensverteilung ist jedem kapitalistischen Land charakteristisch und im Kapitalismus auch nicht zu lösen. Denn gibt es keine große Menge an Menschen, die sich nur mit Lohn über Wasser halten können, kann sich keine Gesellschaft basierend auf Lohnarbeit (sprich Kapitalismus) entwickeln.

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6 Antworten to “Wirtschaftskammer: Nur wer hungert ist arm!”

  1. „Das kurze Beispiel zeigt, dass Armut nicht individuell, sondern immer im Kontext der Gesellschaft und der dort vorhandenen Reichtümer zu betrachten ist.“
    Ich würd mal argumkentieren, dass die Beurteilung von arm und reich davon abhängt, inwiewiet jemand seine Bedürfnisse befriedigen kann oder nicht.
    Also wenn jemand in Österreich in der Stadt wohnt und sowohl zu seinem Arbeitsplatz als auch zum Einkaufen und für die Freizeitgestaltung kein Auto braucht nicht unbedingt arm sein muss, wenn er kein Auto hat während jemand der am Land wohnt und ohne Auto gar nichts tun kann auch mit Auto arm sein kann.
    Wenn man für die Beurteilung arm oder reich das Umfeld einbezieht, dann wären wohl Menschen in den Golfstaaten, die nur eine Villa und ein teures Auto haben arm und alle Menschen in den „Problemregionen“ der Entwicklungsländern, die sich satt essen können und eine Bleibe haben reich….

    • „Wenn man für die Beurteilung arm oder reich das Umfeld einbezieht, dann wären wohl Menschen in den Golfstaaten, die nur eine Villa und ein teures Auto haben arm und alle Menschen in den “Problemregionen” der Entwicklungsländern, die sich satt essen können und eine Bleibe haben reich….“

      in den golfstaaten sind die alleraller meisten menschen ohne vermögen. da haben doch nicht alle menschen ne villa. aber ja, wenn dort alle ne villa hätten und 5% der leute jeweils 100 villen, dann wären diese menschen mit einer villa arm.

      denn: was sind denn bedürfnisse? reicht ein wackliges wellblechhaus? brauchts fliessendes wasser? reicht ein fell oder sollten es schon feste schuhe und ne jacke sein?
      die frage kann mensch nur beantworten, wenn klar ist was die gesellschaft produzieren kann. und unsere gesellschaft produziert güter die für alle menschen reichen, aber nicht alle bekommen. daher sind auch menschen arm, sprich vom vermögen das produziert wird ausgeschlossen, die nicht hungern

      • Man braucht ein sicheres Dach über dem Kopf, ein wackeliges Wellblechhaus reicht wohl Niemand ernsthaft, ausser als temporäres Abenteuer. Und klar braucht man eine Wasserversorgung. Ob das jetzt fliessendes Wasser ist oder ein sauberer Brunnen bei der Unterkunft ist dann aber, je nach Umfeld, nicht das Entscheidende.
        In Regionen in den Entwicklungsländern, in denen Hunger herrscht, könnten ohne Krieg und Ausbeutung auch mehr Güter produziert werden.
        Wo setzt Du da die Grenzen für die Vergleiche? Bei den Nationalstaaten?

        • Man braucht ein sicheres Dach über dem Kopf, ein wackeliges Wellblechhaus reicht wohl Niemand ernsthaft, ausser als temporäres Abenteuer.
          Es gibt doch einige Menschen auf dieser Erde die gerade mal das haben.

          Ob das jetzt fliessendes Wasser ist oder ein sauberer Brunnen bei der Unterkunft ist dann aber, je nach Umfeld, nicht das Entscheidende.

          Also würdest du sagen: Wenn ein Mensch in Österreich eine stabile kleine Holzhütte hat und einen Brunnen ein paar km entfernt, dass wäre die Person nicht arm?

          Bedürfnisse sind halt auch nie eindeutig festzulegen. was vor 40 Jahren in Österreich Luxus war (z.b. Kaffe) ist heute Alltag. Also ob Bedürfnisse genügend gedeckt wurden, ist nicht isoliert sondern muss gesellschaftlich betrachtet werden.

          In Regionen in den Entwicklungsländern, in denen Hunger herrscht, könnten ohne Krieg und Ausbeutung auch mehr Güter produziert werden.
          Keine Frage. Wenn sich die kriegsführenden Länder Rüstungsgüter leisten können, dann gibts offenbar eh einiges an Produkivität, die aber nicht als Bedürfnissdeckung bei den Menschen ankommt.

          Wo setzt Du da die Grenzen für die Vergleiche? Bei den Nationalstaaten?
          Würde sagen: Nein. Weil ja auch kein Staat mehr isoliert vor sich hinwerkelt, sondern jeder in der Weltwirtschaft eingebunden ist. Also kann einiges an Produktivität das im Land generiert wird, exportiert werden und wiederum der Bevölkerung nicht zugute kommen….

          Kurz gesagt: von der Produktivität der Gesellschaft hängts ab ob mensch arm ist oder nicht. Ne andere (objektive) Definition von Armut kanns glaub ich nicht geben.

  2. Also würdest du sagen: Wenn ein Mensch in Österreich eine stabile kleine Holzhütte hat und einen Brunnen ein paar km entfernt, dass wäre die Person nicht arm?

    Doch klar ist der auch arm, weil eine kleine Holzhütte für das Klima hier nicht geeignet ist und es recht viekl Aufwand bedarf um nur an Wasser zu kommen.

    Wenn die Hütte/ das Haus den klimatischen Bediengungen entspricht (gut heizbar ist) und sonst auch gegen Wind und Wetter geschützt und fliessendes Wasser hat würde ich die Person nicht als arm bezeichnen.

    Bedürfnisse sind halt auch nie eindeutig festzulegen. was vor 40 Jahren in Österreich Luxus war (z.b. Kaffe) ist heute Alltag.

    Hm, also dass 1972 Kaffee noch Luxus war kann ich mir eher nicht vorstellen. Aber ich glaub ausserdem, dass sich die Grundbedürfnisse nicht so geändert haben…

    • Doch klar ist der auch arm, weil eine kleine Holzhütte für das Klima hier nicht geeignet ist und es recht viekl Aufwand bedarf um nur an Wasser zu kommen.

      Dass das Armut ist, kannst du eben nur aus deiner jetzigen Perspektive sagen… Vor 1.000 Jahren oder so war das keine Armut.

      Hm, also dass 1972 Kaffee noch Luxus war kann ich mir eher nicht vorstellen. Aber ich glaub ausserdem, dass sich die Grundbedürfnisse nicht so geändert haben…
      Stimmt *g* Mit „vor 40 Jahren“ meinte ich eigentlich die Nachkriegszeit …. (http://de.wikipedia.org/wiki/Muckefuck)

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