Warum ich mich nicht für Österreich schäme…


Wer meinen Blog gelegentlich liest oder mich persönlich kennt, der oder die wird sich sicher denken: „Der wird sich oft für Österreich schämen müssen“.

Grund scheint es ja genug zu geben: Die Zustimmung eines großen Bevölkerungsteil zur FPÖ, das Umgehen des Staates mit politischen AktivistInnen (siehe TierschützerInnen), Treffen von Nazis in Österreich und fehlender Widerstand dagegen (siehe Ulrichsbergtreffen), usw usf.

Doch (Überaschung!) schäme ich mich nicht für Österreich. Bin ich der Meinung dass die guten Seiten Österreichs die schlechten überwiegen? Nein. Bin ich etwa der Meinung dass diese oben genannten schlechten Dinge vielleicht gar nicht so schlecht sind? Auch das ist nicht der Grund. Oder kann ich etwa dem Staat auf dessen Gebiet ich geboren bin einfach nicht böse sein, meine Vaterlandsliebe überwältigt mich also? Das ganz sicher nicht.

Kurz gesagt: Schämen kann ich mich ja nur für Dinge, die ich mir freiwillig ausgesucht habe. Die Zugehörigkeit zu Österreich – Österreicher zu sein – entsteht aus einem Zwangsverhältnis. Es entsteht aus einer Gewalt die mir angetan wird. Warum das so ist, werde ich jetzt kurz argumentativ darlegen. (Wer Gegenargumente findet: Gerne als Kommentar, aber eben auch als Argument, welches auf meine Argumente eingeht)

In welchem Staat ein Mensch geboren wird, das kann sich keineR aussuchen. Letzlich ist es Zufall ob ich in Österreich, Schweden, Argentinen oder in Südafrika auf die Welt komme. Eines ist jedoch überall gleich: Durch diese Zufälligkeit werde ich einem Staat zugewiesen. Sprich: Ich erhalte gewisse Rechte die mir ein Staat als Inländer zubilligt und auch eine Menge von Pflichten die er mir aufbürdet.

Daran zeigt sich also schon mal: Von Freiwilligkeit kann hier nicht gesprochen werden. Weder werde ich bei der Geburt gefragt ob ich Österreicher werden will (was ich als Baby wohl auch nicht verstehen würde), noch wird mir mit 18 die Möglichkeit geboten zu entscheiden: Wähle ich Österreich als „meinen“ Staat oder gefällt mir die U.S.A. vielleicht doch besser.

Eine Staatenzugehörigkeit ist auch etwas anderes als die Mitgliedschaft bei zb der katholischen Kirche. Ich werde zwar auch als Kind ungefragt getauft, aber als Erwachsener ist es mir (GOTT sei gedankt *g*) möglich den Verein zu verlassen. Das lässt ein Staat nicht einfach zu. Da muss ich schon vorher die Zusicherung eines anderen Staates haben, mich als Inländer einzustufen. Diese Zusicherung liegt aber auch nicht in meiner Entscheidung.

Wie mensch es dreht und wendet: ÖsterreicherIn zu sein hat nichts mit Kultur zu tun, es hat auch nichts mit Freiwilligkeit oder Liebe zum Land zu tun. Die Zugehörigkeit ergibt sich durch das Gewaltmonopol des österreichischen Staates. Was ich mit allen anderen ÖsterreicherInnen gemein habe: Den Pass, also die Zugehörigkeit, sonst mal aufs erste gar nichts.

So beantwortet sich auch die Frage von oben: Schämen kann ich mich doch nur für etwas, an dem ich freiwillig teilhabe.

Scham ist ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre auftreten kann oder auf dem Bewusstsein beruhen kann, durch unehrenhafteunanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben.
[wikipedia]

Wenn in Österreich Nazis im Parlament akzeptiert werden, rassistische PolizistInnen prügeln, … dann ist das nichts wofür ICH mich schämen muss. Denn Österreicher bin ich nur durch Zwang.

Umgekehrt natürlich ebenfalls: Auf Österreich stolz sein wegen den Skisporterfolgen, der tollen Wirtschaft oder auch dem sogenannten sozialen Frieden würde mir nicht einfallen. Denn an diesen sogenannten Erfolgen habe ich keinen Anteil – sie werden mir von aussen zugerechnet, weil ich als Österreicher gesehen werden.

Advertisements

10 Antworten to “Warum ich mich nicht für Österreich schäme…”

  1. wieso solltest du dich für was schämen, an dem du freiwillig teilhast? entweder du hälst es für richtig und alles passt oder aber (später) für falsch, dann bist halt nimmer freiwillig dabei. ich weiß nicht, was das gefühl scham für einen sinn hat jenseits eines etwas doofen, „ich werde den anforderungen, die an mich gestellt werden (von anderen oder – das absurdeste überhaupt – von mir selbst), nicht gerecht“ .
    varianten:
    1.) die anforderungen sind ein schmarren. dann ist es gut, wenn man ihnen nicht gerecht wird.
    2.) sie sind richtig. dann bringts nichts, schämend in der ecke rumzustehen.

    • guter hinweis. viell. klarer mit nen beispiel:

      wenn ich freiwillig in nem verein (hypothetisches bsp: fussballverein) dabei bin und sich leute aus der gruppe blöd aufführen, dann würde ich mich für die leute schon schämen, weil ich ja mit denen freiwillig gemeinsam sachen mache.

      die scham würde halt dazu führen, dass ich versuche was an der situation zu ändern, wenn das nicht funktioniert, müsste ich halt konsequenzen ziehen…

      • ich sehe nicht, wozu es da die scham braucht. wenn die mist bauen, dann erkennst das als mist – dazu brauchst du dann keine scham. und wenn du weißt, dass es mist ist, dann sagst denen das – da braucht das auch keine scham. es wirkt so, als benötigst du das GEFÜHL, um fehler kritisieren zu können. ich meine, das stimmt nicht. sondern die scham ist eine sinnlose und eher blöde, weil kraft bei der fehlerkorrektur raubende gefühlsbeigabe, deren inhalt eben ist: mensch, da denkt jetzt jmd was schlechtes von mir! aber was nützt das? davon wird nichts richtig, sondern erst durch die kritik.

        • Dass die Scham kein „nützliches“ Gefühl ist stimme ich dir zu. Sollte viell. als Hinweis im Text sein. Nachdem der Fokus im Text aber mehr war zu zeigen, dass der GRUND für die Scham auch schon ein schlechter ist, habe ich mich mit dem Sinn/Unsinn von Scham auch nicht so auseinandergesetzt

  2. Mir fehlt in dem Text ein bisschen der Bezug darauf, wo denn die Gewalt des Staates herkommt bzw. was ihr Inhalt ist. Also: Dass die bürgerliche Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist und die dadurch entstehenden Widersprüche einer Gewalt über ihr bedürfen.

    Umgekehrt gedacht: Wäre das staatliche Gewaltmonopol dazu da, den Menschen hier ein nettes Leben zu ermöglichen – dann wär es mir glatt schon wurscht, dass es eine Gewalt ist… aber dann bräuchte es diese Gewalt ja auch gar nicht mehr (jedenfalls nicht eine über die Gesellschaft, vielleicht noch eine, um die Gesellschaft nach Außen zu verteidigen).

    • Mir fehlt in dem Text ein bisschen der Bezug darauf, wo denn die Gewalt des Staates herkommt bzw. was ihr Inhalt ist.
      Stimmt, das kommt nicht vor.

      Einziger Inhalt des Blogpostings war festzuhalten: Welche StaatsbürgerInnenschaft ein Mensch hat, hat nicht der Mensch selbst zu entscheide, sondern es wird für ihn entschieden.

      Ist also ein ganz kleines Argument was da gebracht wird, was aber trotzdem einige Leute ablehnen bzw. dagegen argumentieren.

  3. […] Wut im Bauch… Zusammenfassung österreichischer politischer Unkultur « Warum ich mich nicht für Österreich schäme… […]

  4. Mühlsteiner Says:

    Bemerkenswerte Überlegung…..eine vertrackte Facette

  5. Martin Nusser Says:

    Fremd in der Heimat
    Biologisch gesehen bist du ein Produkt deiner Eltern. Wären DEINE Eltern in einem anderen Land gewesen, wärst du genauso rausgekommen, wie du jetzt dastehst, vielleicht mag dann aber USA draufstehen, aber du bist immer noch das Selbe. Netter Gedanke, doch „leider“ funktioniert das nur in den USA. Denn wärst du Amerikaner, wenn deine Eltern auf Urlaub sind und dich dort bekommen? Am Rest der Welt (fast) wäre es egal, wo du auf die Welt kommst, du bist Österreicher, immer noch das Produkt deiner Eltern.
    Egal wo wie oder was, Heimat kann ein Land, ein Dorf, eine Region, ein Grundstück oder eine soziale Umgebung sein, wer jedoch aus Glauben an die „Unschuld“ und „Nichts damit zu tun haben“ sich von allem abwendet, ist nicht Heimatlos, sondern fremd in der Heimat.
    Für was lebst du? Für Weltfrieden bist du, nehme ich mal an, nicht in der Position Einfluss zu nehmen außer seine Meinung zu äußern, alle physischen, ortsbezogenen Sachen kannst du nur dort ändern, wo du es weißt und wo du es kannst, die Welt ist zu groß um beobachtet zu werden, aber zu klein um für jeden so viel Platz zu bieten wie du es hast.
    Ich lebe für mich. Für mich, was mir wichtig ist, was ich gut finde, was mir Sorgen bereitet, was ich ändern will. Wäre es nicht so, wäre etwas falsch, denn würde mir etwas keine Sorgen bereiten, fällt es mir nicht auf oder ich bin zufrieden mit dem aktuellen Zustand.
    Komm runter von der „Distanzierung gegenüber allem“, das ist sinnlos, du verlierst deine Werte, deine Ziele, dein Leben, du gehörst zu nichts und bist auch nichts, wenn du stirbst ist nichts anders als wärst du noch da. Ein Leben ist dafür da, es zu leben (nicht falsch verstehen!), es zu leben, so wie man glaubt es zu meistern, sich Gutes tun, auch damit, anderen Gutes zu tun, so dies für einem etwas Gutes darstellt.
    M.f.G Martin Nusser (m.nusser@hushmail.com)

    • wer jedoch aus Glauben an die „Unschuld“ und „Nichts damit zu tun haben“ sich von allem abwendet, ist nicht Heimatlos, sondern fremd in der Heimat.
      Da ist viell. ein Missverständnis. Es geht mir nicht darum sich von den Menschen, den Geschehnissen abzuwenden die es gibt an dem Ort an dem Mensch wohnt. Im Gegenteil: Ich finde es wichtig sich einzumischen.

      Für was lebst du? Für Weltfrieden bist du, nehme ich mal an
      Stimmt zb nicht: Ich bin nicht für eine Welt in der es Staaten gibt die „nett“ miteinander umgehen. Wäre auch ein absurder Gedanke. Ich bin gegen das Konzept von Staaten..

      aber zu klein um für jeden so viel Platz zu bieten wie du es hast.
      Öhm, bitte um Argumente dafür

      Und insgesamt: Nur weil ich mich nicht als Österreicher sehe, ich versuche Österreich abzuschaffen, wende ich mich doch nicht von allem ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: