Klassenkampf, den gibt’s nicht mehr?


Klassenkampf, also ein klarer Interessenkonflikt zwischen Menschen die für Lohn arbeiten und der Firma die sie anstellt, soll nicht mehr existieren. Wer diesen Interessenskonflikt leugnet, der freut sich natürlich über jede Betriebsansiedlung und neuen Arbeitsplatz. Hier ein Perspektivenpapier der SPÖ als ein Beispiel von vielen.

Steigende Lebensqualität, soziale Sicherheit und Vollbeschäftigung beruhen auf einer leistungsfähigen Volkswirtschaft. Daher besteht ein gemeinsames Interesse aller an der Leistungskraft und internationalen Wettbewerbsstärke der österreichischen Wirtschaft.

Das sieht aber nicht nur die SPÖ so, ganz natürlich kommen ähnliche Worte von Kleinunternehmern wie Matthias Kaiser (über Twitter):

Auch sich selbst als „volksnah“ und kritisch gebende Webseiten wie Schnittpunkt2012, geben so etwas von sich

Der Staat braucht eine funktionierende Wirtschaft. Was eine funktionierende Wirtschaft nicht braucht, ist eine extreme Bürokratie. Besonders für Unternehmensgründungen heisst es dies, viel, viel Geduld aufbringen und Nerven bewahren. Es hat den Anschein, als müsste die Bürokratie mit ihren Beamten und Gesetzen jede Unternehmnsgründung bekämpfen und bereits am Start verhindern.

Und wäre das nicht genug, leugnen auch Gewerkschaften den Konflikt zwischen Lohn und Profit. Und dabei existieren sie doch überhaupt nur aufgrund dieses Konflikts.

Unser Streik ist nicht ein Streik gegen die Lufthansa. Sondern für die Lufthansa. Für eine Lufthansa, wie wir – Sie als Passagier und wir als erfahrene Flugbegleiter – sie kennen und erhalten wollen.
[Gewerkschaft: Unabhängige Flugbegleiter Organisation]

Alle diese Aussagen teilen das eine: Profit und Lohn widersprechen sich nicht. Oder anders gesagt: Es gibt ein gemeinsames Interesse der Firma und der dort arbeitenden Menschen. Wie widersinnig dieser Glaube ist, lässt sich ganz einfach zeigen:

Als LohnabhängigeR brauche ich für die Deckung all meiner Bedürfnisse Geld. Will ich in den Urlaub, entscheidet das WIEVIEL (Geld ich zur Verfügung habe) wohin und ob ich Urlaub machen kann. Wenn ich in den Supermarkt gehe, entscheidet das WIEVIEL ob ich Bio kaufe oder doch lieber zu S-Budget greife. Beim Wohnen entscheidet das WIEVIEL ob ich neben der Bahn wohne und mitternachts die Güterzüge vorbeibrausen oder ich doch ein nettes Häuschen am Stadtrand besitze. Diese Beispiele lassen sich natürlich beliebig fortsetzen.

Umgekehrt die Firma: Das WIEVIEL (des Profits den ich erwirtschafte) entscheidet ob ich an der Börse abstinke oder ich hochgejubelt werde. Das WIEVIEL entscheidet darüber ob die neuen effizienten Maschinen gekauft werden oder doch die alten von vor 5 Jahren weiterverwendet werden. Das WIEVIEL entscheidet darüber ob ich Werbspots zu besten Sendezeiten im Fernsehen zeigen kann oder es doch nur für ein paar Flugblättern reicht. Auch diese Beispiele lassen sich quasi ewig fortsetzen.

Und was klar ist: Der Profit des Unternehmens steigt wenn die Löhne niedrig sind. Umgekehrt, steigen die Löhne an, sinkt der Profit. Wie dieser Konflikt in der Praxis aussieht, kann mensch aus den Nachrichten schnell erfahren (mehr oder weniger zufällig ausgewählte Artikel aus den letzten paar Monaten).

In Südafrika ist der Konflikt zwischen streikenden Bergleuten einer Platin-Mine und der Polizei eskaliert. Nachdem 34 Kumpel im Kugelhagel der Polizei starben, steht das Land unter Schock.
[derstandard.at: Bergarbeiterstreik in Südafrika endet in Blutbad]

Die Flugbegleiter der Lufthansa setzen ihren Streik ab heute in Frankfurt und in Berlin fort. Das teilte die Kabinengewerkschaft UFO mit. Der Ausstand soll demnach in Berlin um 5.00 Uhr beginnen und acht Stunden bis 13.00 Uhr dauern. In Frankfurt streiken die Flugbegleiter von 6.00 bis 14.00 Uhr. Fluggäste müssen sich damit abermals auf erhebliche Behinderungen und Flugausfälle einrichten.
[orf.at: Lufthansa-Gewerkschaft ruft zu Großstreiks auf]

Jahrelang galt die Leiharbeit bei vielen Unternehmen als erstklassige Methode, das Lohnniveau der Beschäftigten weiter zu drücken. Doch mittlerweile wird selbst die Leiharbeit für einige Betriebe zu teuer. Das Mittel der Wahl, die Betriebsausgaben auf Kosten der Arbeitnehmer weiter zu drücken, sind Werkverträge. Bei diesen Verträgen kaufen die Firmen von externen Anbietern Dienstleistungen zu, beispielsweise das Auffüllen von Regalen im Supermarkt. Bezahlt wird dabei nicht pro Arbeitsstunde, sondern pro Regal – so lassen sich auch eventuell vorhandene Mindestlohnregelungen umgehen. Immer mehr Zeitarbeitsfirmen gehen dazu über, Werkverträge über neu gegründete Tochterfirmen anzubieten.
[telepolis.de: Bundesregierung will nichts gegen Lohndumping durch Werkverträge unternehmen]

Ernüchterndes Ergebnis: Ein großer Teil der Beschäftigten verfügt heute über eine geringere Kaufkraft als vor 20 Jahren. Das geht aus einer Untersuchung der Gehälter in den 100 häufigsten Berufen hervor.
[spiegel.de: Reallöhne sind seit 1990 um bis zu 50 Prozent gesunken]

Wer sich eine detaillierte Beschreibung und Einordnung des Phänomens Lohnarbeit und wie es sich mit diesem im Kapitalismus verhält wünscht, wird bei der Jungen Linke gegen Kapital und Staat fündig. Diese stellen sich nämlich (unter anderem) die Frage: Will das Kapital die Löhne immer nur senken?

Update:
Ein weiterer lesenswerter Text stammt vom Gegenstandpunkt und beschäftigt sich mit folgenden

Die Proleten sind weg, an ihre Stelle sind die Arbeitnehmer getreten. Statt der Kapitalisten von einst sind heute Arbeitgeber unterwegs. Aus beiden Abteilungen einer überholten Gesellschaftsordnung sind Bürger geworden, deren Beziehunge nicht mehr durch Gegensätze vergiftet sind – vor dem Gesetz ein und desselben Staates sind sie gleich. Übrig geblieben sind ein paar unübersehbare Unterschiede; sie beleben die Diskussionen über soziale Gerechtigkeit. So wird die Verantwortung, die jeder in seinem Stand zu tragen hat, stets rechtzeitig bekannt gemacht. Auch den Bauern, die jetzt Landwirte sind.

Einiges hat sich also verändert. Erstens die Namen, zweitens die staatliche Beaufsichtigung der Klassen, drittens das Klassenbewußtsein. Sonst freilich nichts.

 

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5 Antworten to “Klassenkampf, den gibt’s nicht mehr?”

  1. Die Wiederholung altbackener Klassenkampfrhetorik löst keine Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Kuh, die man melken will, sollte man nicht schlachten. Meine Antwort aus der täglichen Unternehmensrealität im Mittelstand: http://wp.me/p2bRCm-5w

    • 1. der artikel ist keine rhetorik, sondern eine analyse. da geht es drum, ob sie richtig ist oder nicht. wenn du sie nicht richtig findest, wäre es gut dazuzuschreiben, wieso sie es nicht ist.

      2. ich will die probleme, die die wirtschaft hat nicht lösen, denn es sind nicht gar nicht meine. die wirtschaft hat aktuell das problem, dass sie nicht wachsen kann. eine lösung dafür ist die kürzung meines lohns. wieso soll ich da dafür sein? mag sein, dass dir das als unternehmer nutzt. dann sind es aber nicht DIE probleme, sondern deine. dann ist es aber heuchelei zu behaupten, dein probleme wären eigentlich die probleme aller.

      • Ich habe keine Analyse gefunden, sondern Behauptungen mit dem Versuch sie an Einzelbeispielen zu belegen. Ich sehe schon Probleme (z. B. Arbeitslosigkeit, Rentenproblematik), die vordergründig nicht meine sind, aber die Gesellschaft vor gwealtige Herausforderungen stellt. Im Blogbeitrag habe ich keinen konkreten Lösungsansatz gefunden.
        Ich zitiere in diesem Zusammehang gern. „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts“ Mit Wirtschaft ist sinngemäß wertschöpfung gemeint. Sie können doch einen Alternativvorschlag für Wertschöpfung nach Ihren Vorstellungen machen.

        • Einerseits soll ich einen Lösungsansatz bieten, werde aber darauf festgelegt, dass es ein Alternativvorschlag für Wertschöpfung sein soll. Die Forderung nach einem Lösungsansatz ist an sich schon nicht in Ordnung. Das ist ein schlechter Vorwurf an eine Theorie, weil sie sie nicht auf Richtigkeit prüft, sondern auf Brauchbarkeit. Der Quantentheorie z.B. vorzuwerfen sie würde keine Probleme lösen ist doch auch absurd, darauf kommt lustigerweise auch niemand. Bloß der Kapitalismuskritik wird ständig vorgeworfen, sie würde keine Probleme lösen. Ich will die Probleme des Kapitalismus nicht lösen, verstehen Sie das doch mal! Ob der Gewinn von Leuten wie Ihnen klappt oder nicht, das geht mich bloß insofern etwas an als dass ich rausfliege, wenn er nicht klappt. Dafür will ich keine Lösung anbieten! Ich will in einer Gesellschaft leben in der die Bedürfnisbefriedigung der Menschen der Zweck der Wirtschaft ist und nicht der Profit.

  2. […] Protagonisten des Klassenkampfes (z. B. Blog Wut im Bauch) sind noch nicht in der Sozialen Marktwirtschaft angekommen. Hier geht es nämlich darum, die […]

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