Innocent: Ganz unschuldig


Über die Aktion „Das grosse Stricken“ der Firma innocent in Kooperation mit der Caritas habe ich bereits berichtet. Meine Kritik habe ich auch per Mail an die Firma innocent und an die Caritas kund getan. In diesem Blogposting möchte ich die Antwort der Firma innocent und meine Gegenantwort dokumentieren. Über Kritik/Feedback freue ich mich natürlich.

(Anmerkung: Auch die Caritas hat meine Mail beantwortet, ein Bericht über diese Antwort folgt…)

Schönen Tag!

Danke erstmal für die detailierte E-Mail. Das ist keine  Selbstverständlichkeit.

Meine Bedenken wurden mit der Mail aber nicht ausgeräumt. Das möchte ich mit  dieser Mail argumentieren.

Als Unternehmen möchten wir mit dem Großen Stricken dazu beizutragen, ältere Menschen warm durch den Winter zu bringen. Unsere Partner in Europa, wie die Caritas in Österreich,  finanzieren mit der Spendensumme dreierlei Aktivitäten: warme Kleidung, warme Speisen und zwischenmenschliche Wärme über Besuchsdienste. Ihren Vorwurf, dass wir Frieren von älteren Menschen in Österreich zum Normalzustand verklären, können wir nicht nachvollziehen.

Den Normalzustand stellen sie durch ihren Flyer/Homepage her. Es wird festgehalten
„So haben wir alle gemeinsam geholfen, ältere Menschen in Österreich warm
durch den Winter zu bringen.“ (http://www.innocentdrinks.at/stricken/)

Es fehlt der Hinweis darauf dass es viell. nicht immer so war, dass ältere Menschen in diese Gefahr kamen. Es wird nicht erwähnt dass solche Zustände skandalös und eine Frechheit sind. Und es wird eben NICHT nach der Ursache  dieses Zustandes gefragt.

Insofern wird eben gesagt: „Es frieren Menschen.“  Das ist für mich das Herstellen einer gesellschaftlichen Normalität.

Wir verwenden die Vokabel „Frieren“ nicht ein einziges Mal im Zusammenhang mit der Aktion, weder in unseren Broschüren, noch auf unserer Website. Wir sprechen mit der Aktion die Themen Altersvereinsamung und Altersarmut gleichermaßen an.

Stimmt. Das Wort frieren verwenden sie nicht explizit. Die Formulierung  „Menschen warum über den Winter bringen“ stellt aber inhaltlich dasselbe dar.

Ihr Anliegen ist es, die gesellschaftlichen Missstände aufzudecken, die erst zu diesen Zuständen führen können. Explizit möchte ich betonen, dass  wir jede Form von gemeinnützigem Engagement schätzen. Aber ganz bewusst stellen wir nicht das Problem in den Vordergrund, sondern eine mögliche Lösung. So schaffen wir eine Öffentlichkeit für diese Themen – und die Caritas – und animieren vielleicht weitere Personen, älteren Menschen zu  helfen.

Inwiefern decken sie Misstände auf die zu diesem Zustand führt? Ich bitte da um einen Link. Auf Homepage/Flyer habe ich keinen Text gefunden der das tut.  Welche gesellschaftlichen Missstände führen denn laut Meinung der Firma innocent zu dem Zustand dass es private Spenden braucht um ältere Menschen warm über den Winter zu bringen?

Es stimmt. Sie bringen eine Lösung in Stellung (wie oben erwähnt: ohne dabei zuerst zu klären wo die Ursache des Problems liegt). Jedoch ist es eine individualisierende und unsolidarische Lösung. Ihre Lösung liegt darin den good-will von Menschen anzusprechen und sie zu motivieren Geld auszugeben. Sie lassen die Struktur der Gesellschaft (Wirtschaft, staatliche Organisation, …) aussen vor und bürden den Einzelnen auf mit ihrem Lohn (der die letzten Jahre gesunken ist) das Problem zu „lösen“.

Durch so ein Lösung wird auch genau getan was ich kritisiere: Es wird den Menschen die Motivation genommen sich über die Ursachen des Problems den Kopf zu zerbrechen.

Wie jedes andere Unternehmen ist innocent eine Firma, die nur dann  Arbeitsplätze erhalten kann, wenn Sie Umsätze generiert. Die daraus entstehenden Gewinne teilen wir gerne und großzügig: innocent spendet jedes Jahr 10% des Unternehmensgewinns an gemeinnützige Projekte, unter anderem über das Große Stricken an die Caritas, aber vor allem an Menschen in den Ländern, aus denen wir unsere Früchte beziehen. Der Branchendurchschnitt liegt bei Spenden um 2% des Gewinns.

Es freut mich ja, dass sie anscheinend einen (mehr oder weniger) grossen  Anteil ihres Gewinns an gemeinnützige Projekte weitergeben.

Das zeigt aber auch deutlich: Wenn die Zeiten für ihre Firma schlechter werden, der Gewinn weniger wird, ist das nicht mehr möglich. Für jede Firma gilt: Der Profit ist das Ziel. (Weil sonst können ja keine Investitionen in die Zukunft getätigt werden usw usf).

Also: Nur wenn der Gewinn bzw. der Profit stimmt, kann eine Firma so „grosszügig“ sein. Bedeutet aber auch: Gehts diesen „grosszügigen“ Firmen  schlecht, fällt die vorgeschlagene „Lösung“ weg und die Menschen frieren
wieder. Es ist also ein sich abhängig machen vom Erfolg einer Firma bzw. den wirtschaftlichen Umständen.

Als Anmerkung muss natürlich auch gesagt werden: Wie bei FairTrade und ihren Produkten zahlen natürlich die KonsumentInnen den Preis ihres sozialen/ökologischen Engagements. Sie zahlen also für ihr Gewissen einen höheren Preis von Produkten.

Deshalb arbeiten wir unter anderem mit der Rainforest Alliance zusammen, die als unabhängige Dritte unsere Farmen prüft und zertifiziert.

Zur Rainforest Alliance reicht ein Blick in Wikipedia was von ihr zu halten ist (http://de.wikipedia.org/wiki/Rainforest_Alliance). Nämlich sehr wenig. Eine Zusammenarbeit mit dieser Organisation fällt schon unter den schönen Begriff Green-Washing.

Das Heranziehen von Bildern strickender Frauen von unserer Homepage für Ihren Blog, um uns sexistisches Gedankengut zu unterstellen, halte ich für äußerst fragwürdig. Ich selbst habe schon Mützen gestrickt, einer unserer Vertriebsmitarbeiter hat schon über 100 beisammen. Das Foto entstand auf einem von meiner Kollegin organisierten Stricknachmittag in Ihrer Privatwohnung und sie hatte ein paar Freundinnen eingeladen.

Meine Kritik war nicht, dass ich unterstelle dass keine Männer stricken. Meine Kritik ist, dass durch die Auswahl eines Bildes auf dem NUR Frauen stricken, das Klische von strickenden Frauen reproduziert wird.

Das Große Stricken existiert seit dem Jahr 2004, in dem es erstmals in England durchgeführt wurde. Es ist bis heute mehrfach mit Auszeichnungen bedacht worden und findet sich in diversen Vorlesungen an Universitäten als exzellentes Beispiel für die Verbindung von sozialem Engagement und Marketing wieder.

Meine Kritik hängt sich nicht auf den mangelnden Erfolg der Aktion auf. Ich würde ihnen sogar zustimmen dass es eine GUTE Markting Aktion ist. Wie definiert sich eine gute Marketing Aktion? Dass sich durch so eine Aktion die Position einer Firma verbessert.

Umgekehrt: Soziales/ökologisches Engagement OHNE Steigerung des Profits/Erhöhung des Marktanteils usw ist kein gutes Marketing, würde daher auch nicht gemacht werden.

Meine Kritik ist, dass sie aber eben dieses Engagement in den Mittelpunkt stellen und Menschen der Eindruck vermittelt wird, dass dies der Grund für die Aktion ist.

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10 Antworten to “Innocent: Ganz unschuldig”

  1. Hier meine erste Email an Innocent:

    Hallo!

    Mit grossem Befremden habe ich letzte Woche einen Flyer für ihre Aktion „das grosse Stricken“ in die Hand bekommen.

    In diesem freuen sie sich bekannt zu geben, dass sie gemeinsam mit der Caritas das frieren von älteren Menschen im Winter zumindest etwas eindämmen können.

    Ich finde es äusserst zynisch dieses Thema als Mittel zur Imagepflege zu verwenden. Klar ist, dass sie mit dieser Aktion einen Normalzustand schaffen „Ältere Menschen in Österreich frieren im Winter“.

    Dabei sollte es doch darum gehen, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, die ältere Menschen nicht frierend über den Winter bringen, ohne dass Menschen Mützchen stricken und ihre Produkte kaufen müssen.

    Wie stehen sie zu dieser Kritik? Ist ihnen die Problematik bewusst?

    „Wir übernehmen Verantwortung für die Auswirkungen unserer kleinen Firma auf die Gesellschaft und die Umwelt.“ Wenn sie diesen Satz ernst nehmen, sollten sie ihre Werbekampagnen genau überdenken oder nicht?

    Mit der Bitte um Antwort

  2. Und deren Antwort in ganzer Länge:

    Hallo,

    vielen Dank für Ihre E-Mail, auf die ich Ihnen gerne antworten möchte. Aus Ihrer E-Mail, Ihrem Blogeintrag und Ihren Posts auf unserer Facebook-Pinwand entnehme ich verschiedene Kritikpunkte. Ich werde mich bemühen, auf jeden dieser Punkte einzugehen.

    Wir freuen uns sehr, dass Ihnen älteren Menschen am Herzen liegen und Sie sich diesbezüglich engagieren.
    Als Unternehmen möchten wir mit dem Großen Stricken dazu beizutragen, ältere Menschen warm durch den Winter zu bringen. Unsere Partner in Europa, wie die Caritas in Österreich, finanzieren mit der Spendensumme dreierlei Aktivitäten: warme Kleidung, warme Speisen und zwischenmenschliche Wärme über Besuchsdienste.
    Ihren Vorwurf, dass wir Frieren von älteren Menschen in Österreich zum Normalzustand verklären, können wir nicht nachvollziehen. Wir verwenden die Vokabel „Frieren“ nicht ein einziges Mal im Zusammenhang mit der Aktion, weder in unseren Broschüren, noch auf unserer Website. Wir sprechen mit der Aktion die Themen Altersvereinsamung und Altersarmut gleichermaßen an.

    Ihr Anliegen ist es, die gesellschaftlichen Missstände aufzudecken, die erst zu diesen Zuständen führen können. Explizit möchte ich betonen, dass wir jede Form von gemeinnützigem Engagement schätzen. Aber ganz bewusst stellen wir nicht das Problem in den Vordergrund, sondern eine mögliche Lösung. So schaffen wir eine Öffentlichkeit für diese Themen – und die Caritas – und animieren vielleicht weitere Personen, älteren Menschen zu helfen.

    Wie jedes andere Unternehmen ist innocent eine Firma, die nur dann Arbeitsplätze erhalten kann, wenn Sie Umsätze generiert. Die daraus entstehenden Gewinne teilen wir gerne und großzügig: innocent spendet jedes Jahr 10% des Unternehmensgewinns an gemeinnützige Projekte, unter anderem über das Große Stricken an die Caritas, aber vor allem an Menschen in den Ländern, aus denen wir unsere Früchte beziehen. Der Branchendurchschnitt liegt bei Spenden um 2% des Gewinns.

    Wenn wir sagen, dass wir Verantwortung für die Auswirkungen unserer Firma auf Gesellschaft und Umwelt übernehmen, bedeutet das in erster Linie, dass wir uns verpflichtet fühlen, den Einfluss unserer Anbau-, Produktions- und Vertriebsaktivitäten so neutral oder sogar positiv wie möglich zu halten. Deshalb arbeiten wir unter anderem mit der Rainforest Alliance zusammen, die als unabhängige Dritte unsere Farmen prüft und zertifiziert.

    Das Heranziehen von Bildern strickender Frauen von unserer Homepage für Ihren Blog, um uns sexistisches Gedankengut zu unterstellen, halte ich für äußerst fragwürdig. Ich selbst habe schon Mützen gestrickt, einer unserer Vertriebsmitarbeiter hat schon über 100 beisammen. Das Foto entstand auf einem von meiner Kollegin organisierten Stricknachmittag in Ihrer Privatwohnung und sie hatte ein paar Freundinnen eingeladen.

    Das Große Stricken existiert seit dem Jahr 2004, in dem es erstmals in England durchgeführt wurde. Es ist bis heute mehrfach mit Auszeichnungen bedacht worden und findet sich in diversen Vorlesungen an Universitäten als exzellentes Beispiel für die Verbindung von sozialem Engagement und Marketing wieder.

    Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass uns aktuell eine Vielzahl von E-Mails erreichen. Aufgrund der Aktualität der Anfragen bearbeiten wir derzeit Facebook präferiert. Trotzdem gehen wir auf jede E-Mail ein, dies kann jedoch einige Tage in Anspruch nehmen. Sicherlich liegt es auch in Ihrem Interesse, eine dezidierte und persönliche Antwort zu Ihren Fragen zu erhalten und nicht kurzfristig mit Standart-Antworten abgefertigt zu werden.

    Herzliche Grüße aus Fruit Towers,

    Christian Stegemann

  3. stefon, diese firma baut ihren profit auf armut, und zwar zweimal – ich halte es daher für naiv, von der firma zu verlangen, dass sie nach den ursachen der armut fragt.
    1. generell: verarmung qua privateigentum ist voraussetzung der herrschenden wirtschaftordnung. auch das unternehmen innocent erpresst die menschen über ihre bedürfnisse.
    2. wo bliebe der lässige werbeschmäh – für den sich noch etliche leute begeistert instrumentalisieren lassen – , wenn’s die armen nicht gäbe? na eben. armut als marketinggag.
    die sollen armut kritisieren? ne, die profitieren doch davon!

  4. ah, 3.: natürlich werden die getränke auch von jemandem in LOHNarbeit produziert, gewinnträchtig. das wiederum setzt voraus, dass es ARME menschen gibt, die ihre haut zum arbeitsmarkt tragen müssen, um so an ein bissl geld zu kommen, um im allgemeinen erpressungsbetrieb des marktes vllt essen und obdach zu erhalten …

  5. @lahma

    find ich ne gute zusammenfassung. danke für den zusätzlichen input.

    nebenbei: habe bereits ne antwort von ihnen bekommen, werde ich später mal behandeln:


    Danke für Ihre erneute E-Mail.
    Sie bieten in Ihrer E-Mail eine Menge Kritik und Ihre stille
    Erwartungshaltung ist, dass wir Ihre Meinung annehmen. Das ist nicht unser
    Verständnis einer Diskussion, denn Sie gehen ja gar nicht auf unsere
    Stellungnahme ein, sondern beantworten diese mit eben den gleichen
    Kritikpunkten wieder.

    Lassen Sie mich folgende Fragen stellen:
    – Wieviel Prozent Ihres Einkommens spenden Sie aktuell an gemeinnützige
    Organisationen und an welche?
    – Würden Sie – wenn Sie Gehaltseinbußen hinnehmen müssten – weiterhin den
    gleichen Betrag als Spendenleistung aufbringen?
    – Glauben Sie, dass das vorrangige Ziel eines Unternehmens die Sicherung
    der Geschäftstätigkeit, der Erhalt von Arbeitsplätzen und die Wohlfahrt
    aller Beteiligten (Produzenten, Handel, Konsumenten) sein sollte?
    – Oder haben Unternehmen den Auftrag die Gesellschaft zu (ver-)ändern?
    – Sollten Unternehmen gemeinnützige Projekte aufgeben und sich darauf
    berufen, dass Gemeinnützigkeit Staatsaufgabe ist und diese durch die
    ohnehin gezahlten Steuern finanziert werden sollte?
    – Wie sollte Ihrer Meinung nach ein Unternehmen wie innocent in Österreich
    agieren?

    Gerne können wir diese Themen auch in unserem Salzburger Büro persönlich
    diskutieren.

    Beste Grüße,

  6. Lahma Cun Says:

    übrigens: das ist falsch

    „Also: Nur wenn der Gewinn bzw. der Profit stimmt, kann eine Firma so „grosszügig“ sein. Bedeutet aber auch: Gehts diesen „grosszügigen“ Firmen schlecht, fällt die vorgeschlagene „Lösung“ weg und die Menschen frieren
    wieder. Es ist also ein sich abhängig machen vom Erfolg einer Firma bzw. den wirtschaftlichen Umständen.“

    diese abhängigkeit wird nämlich gerne und großzügig an jene weitergegeben, die die waren produzieren: die arbeiter_innen kriegen dann noch weniger lohn, müssen mehr hackeln etc pp. kennt man doch.

    ***

    „- Glauben Sie, dass das vorrangige Ziel eines Unternehmens die Sicherung
    der Geschäftstätigkeit, der Erhalt von Arbeitsplätzen und die Wohlfahrt
    aller Beteiligten (Produzenten, Handel, Konsumenten) sein sollte?“

    sorry, aber arbeitsplätze werden immer nur dann geschaffen, wenn es sich fürs unternehmen rentiert. und sie sind immer dann weg, wenn es sich nimmer im erhofften maße rentiert. die sog. wohlfahrt besteht im gewinnträchtigen auspressen der arbeiter_innen und der erpressung der bedürftigkeit der konsument_innen.

    • das „großzügig“ war in dem von dir beschriebenen sinne gemeint. danke für das konkretisieren.

      dass ihre neue antwort jenseitig ist, ist klar *g* aber die wird auch noch blogmässig ausgeschlachtet….

  7. […] Kritik an der Aktion „Das grosse Stricken“ habe ich in meinem Blogposting geschrieben. Meine erste Mail an innocent mit meiner Kritik an sie wurde noch recht sachlich (wenn auch inhaltlich dürftig) beantwortet. In der […]

  8. Franziska Says:

    Richtig geil geschrieben, innocent!
    Ich finde die Vorwürfe echt absurd! Lach

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