Das große Frieren


Das Interesse von Firmen, sozial und ökologisch verantwortlich zu wirken, ist keine Neuigkeit mehr. Eine Form dieses sich „verantwortlich zeigen“ in einer äusserst zynischen Art und Weise möchte ich hier dokumentieren.

Die Firma innocent, Produzentin von Smoothies, startet auch dieses Jahr wieder die Aktion „Das große Stricken„.

Wie versprochen, wird „Das Große Stricken“ auch dieses Jahr wieder in Österreich durchgeführt. Das hat einen einfachen Grund: Letztes Jahr waren wir vom österreichischen Engagement hin und weg, denn tausende Menschen haben landauf und landab insgesamt 55.734 Wollmützchen gestrickt und eingeschickt.

Das große Stricken

Das große Stricken

So haben wir alle gemeinsam geholfen, ältere Menschen in Österreich warm durch den Winter zu bringen.

….

Für jeden innocent Smoothie, der mit Mützchen verkauft wird, gehen 30 Cent an die Caritas, die damit in Österreich ältere Menschen warm durch den Winter bringt. Damit tust Du mit jeder angeschlagenen Masche etwas Gutes.

Was hiermit schon implizit gesagt wird: Österreich ist ein Land in dem ältere Menschen frieren müssen. Kritik an diesem Zustand wird aber nicht geübt. Warum das in Österreich, einem der „reichsten“ Ländern der Welt so sein „muss“ wird auch nicht erwähnt. Vielmehr wird mit dem legeren Reden über das große Frieren älterer Menschen in Österreich ein Normalzustand geschaffen. Dem Zustand wird das Skandalöse genommen. Das Frieren ist einfach Teil des alltäglichen Normalzustands. Genauso wie es „eben“ hungernde Menschen in Afrika gibt, frieren „halt“ Menschen in Österreich.

Damit es aber zumindest einige ältere Menschen gibt, die nicht frieren müssen, und sozialen Menschen warm ums Herz werden kann, kann jeder und jede die Caritas mit 30 Cent unterstützen. Bei einem Kauf einer innocent Flasche um 1,80 €. Und vorherigen Stricken einer Wollmütze. Über den Widersinn soviel Aufwand zu treiben, anstatt der Caritas direkt 1 Euro zu spenden, damit auch noch Aufwand und Geld zu sparen, will ich gar nicht mal reden.

Und das schlimmste dabei: Durch die Zusammenarbeit mit der Caritas wird diese Aktion auch legitimiert. Bekommt einen Stempel des „sinnvollen“.

Wer drei Mützchen gestrickt hat und einen Smoothie gekauft hat, sich zurücklehnt und weiss: Ich habe mich gesellschaftlich verantwortlich verhalten – Wer sich so verhält wird nicht an den gesellschaftlichen Verhältnissen rütteln die zu frierenden Menschen führen. Politische Interventionen wird mit solchen Aktionen die Spitze genommen.

Und damit es nicht vergessen wird: Interessant auch, dass „Stricken“ für die Firma innocent wohl eine reine „Frauensache“ zu sein scheint.

Stricken: Natürlich Frauensache

Stricken: Natürlich Frauensache

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10 Antworten to “Das große Frieren”

  1. Hallo, bin durch Zufall auf dieser Seite gelandet und habe die Geschichte mit Unglauben gelesen. Aber ja, viele Firmen führen derartige Aktionen durch, wobei vom oft überhöhten Kaufpreis ein minimaler Betrag gespendet wird, aber groß beworben wird. Hier würde viel mehr Geld zusammenkommen, einfach zu spenden, ohne die Amrketingmaschinerie anzuschmeißen. Aber die meisten Firmen klappern ja lieber laut mit ihrem „Engagement“, da geht es mehr um Image als ums eigentliche Handeln. Ekelhaft, ich beteilige mich hier grundsätzlich nicht und überweise lieber direkt eine Summe an Ärzte ohne Grenzen oder ähnliches.
    Bitte prangert dieses Green-Washing weiter an!
    Julia aus München

  2. Larissa Says:

    Ich finde es irgendwie schade das die Spenden nach Österreich gehen und nicht an welche die es viel dringender gebrauchen können. Ich bezweifel das so viele ältere Menschen in Österreich frieren. Warscheinlich sind es in Deutschland sogar mehr.
    Ich würde mir wünschen das sie das Geld lieber für Afrika verwenden würden!

    • Naja aber was hilfts den Menschen in Afrika? Wenn die Ursachen für deren Armut nicht beseitigt werden, sind sie ständig und immer von Spenden von aussen angewiesen (die, wie sich ja zeigt) auch nur sehr wenig an ihrem Elend ändern.

      Sinnvoller wäre es, wenn zb. die EU bzw. wirtschaftliche starke Staaten auf Eingriffe und Beeinflussung verzichten würden. Wenn sie Firmen bestrafen die Gewerkschafter ermorden. Wenn sie verbeiten dass Hühnerabfälle in Afrika billig verkauft werden und so den Arbeitsmarkt zerstören….

      Wenn die Ursachen für Armut, Hunger und Elend nicht analysiert werden, kann es keine Besserung geben. Da helfen Spenden leider gar nichts.

      • Es gibt in Österreich sehr wohl Leute die frieren, u.a. Obdachlose aber auch andere. Es gibt zwar Unterstützung für Menschen die nicht arbeiten können, zu wenig verdienen bzw, zu wenig verdient haben um im Alter davon leben zu können. aber die sind so knapp bemessen, dass man nicht weit damit kommt was dazu führt, dass es durchaus ältere Menschen gibt, die, weil sie mal Extrakosten für Medikamente gebraucht haben, sich oder jemandem anderen (z.B. Enkelkindern) mal was gönnen wollten oder das Pech haben in einer Wohnung mit hohen Nebenkosten zu wohnen (und das sind nur ein paar Beispiele), sich das Geld für die Heizung nicht leisten können und deshalb frieren müssen… wenn die Kampagne darauf aufmerksam machen würde (also derartige Fälle beschreiben), dann wär das anscheinend wirklich eine Info, die einigen fehlt… nur haben sie auf die Info anscheinend „vergessen“… bei der Firma wundert es mich eher nicht, dass das denen egal ist, aber bei der Caritas hätte ich mir schon mehr Infos erwartet…. was ich von der Kampagne halte kann ich nicht sagen.
        Wenn man sich die Meldungen auf Facebook so anschaut dann ist nicht davon auszugehen, dass viele Leute da mitmachen, weil sie glauben was ändern zu können sondern eher aus „sportlichem Ehrgeiz“… naja, immerhin bringt es anscheinend Leute zusammen… hat also positivere Auswirkungen als andere Werbung….

      • „Wenn die Ursachen für Armut, Hunger und Elend nicht analysiert werden, kann es keine Besserung geben. Da helfen Spenden leider gar nichts.“

        Was ist denn die Ursache?

  3. […] Ganz unschuldig Über die Aktion „Das grosse Stricken“ der Firma innocent mit Kooperation der Caritas habe ich bereits berichtet. Meine Kritik habe ich auch per Mail an die Firma innocent und an die […]

  4. […] Sie aktuell an gemeinnützige Organisationen und an welche? Über meine Kritik an der Aktion „Das grosse Stricken“ habe ich in meinem Blogposting geschrieben. Meine erste Mail an innocent mit meiner Kritik an sie […]

  5. […] So manches Unternehmen ist ganz gefinkelt: Statt selber zu spenden, wird die zahlungsfähige Kundschaft dazu angespornt. Das hat für das Unternehmen den Vorteil, dass neben dem Werbeeffekt – „Unternehmen XYZ organisiert Spendeaktion!“ – die Spenderei nicht als Kostenpunkt in der Unternehmensbilanz auftaucht. Denn zahlen tun ja die anderen, man selber schmückt sich nur. […]

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